Schon mal erlebt, dass ein gewinnorientiertes Unternehmen vor den Folgen der eigenen Produkte und Fortschritte warnt, quasi ganz uneigennützig handelt, auch wenn es zulasten des Geschäftsergebnisses gehten könnte?
Nehmen wir Monsanto. Wehrt sich mit Händen und Füßen gegen die Vorwürfe, die eigenen Produkte würden sich schädlich auf Gesundheit oder die Natur auswirken. Es gehe ausschließlich um Effizienz. Die Tabakindustrie verkauft ihre technologische Weiterentwicklung - die vulgo E-Zigarette - ja fast geradezu als Gesundheitsfeature! Hat Facebook uns davor gewarnt, dass seine Algorithmen sich nachhaltig negativ auf die Psyche der NutzerInnen auswirken könnten? Verkauft uns die Lebensmittelindustrie stark prozessierte Lebensmittel als den heiligen Gral der Lebensmittelwirtschaft? Wie war das mit der Opioid-Krise der Pharmaindustrie - das Suchtpotenzial des vielversprechenden OxyContin wurde eher nicht in die Öffentlichkeit getragen. Teflonhersteller wie DuPont oder 3M haben uns nicht vor den „ewigen Chemikalien“ (PFAS) gewarnt - dafür waren und sind unsere Pfannen schön glatt. Tetraethylblei im Benzin galt als ein wichtiger Fortschritt, um den Kraftstoff effizienter zu machen. Ungünstige Nebenwirkung: Nervengift. Vom Blei im Benzin will ich gar nicht erst anfangen. Coca-Cola und Nestlé warnen nicht vor Diabetes oder Fettleibigkeit, hauen lieber regelmäßig neue Produkte auf den Markt, die noch besser schmecken. Asbest wurde lange als moderner Baustoff verkauft. Die Verpackungsindustrie predigt den Mythos vom lückenlosen Recycling, um uns ihre neueste Erfindung überzuhelfen. Kennt jemand das Phoebus-Kartell? Die Lebensdauer von Glühbirnen wurde künstlich von 2.500 auf 1.000 Stunden gedrosselt - unter dem Vorwand eines fairen Wettbewerbs und der Transparenz bei Kaufentscheidungen. Ziel: Absatz steigern. Es hat lange gedauert, bis wir FCKW verboten haben, weil Kältemittelhersteller sich dagegen gewehrt haben und das Gas als innovative Kühllösung angepriesen wurde. Mikroplastik in Kosmetikprodukten wurde seinerzeit als tolle Neuerung mit Peeling-Effekt verkauft.
Selbst in den “digitalen” Industrien ist es nicht weiter her mit der Ehrlichkeit. Dark Patterns, Lootboxen, Dopamin-Schleifen. Bekannte und beliebte Mechaniken in der Unterhaltungsindustrie. Vor allem Social-Media-Plattformen bekommen hier, viel zu spät und viel zu “brisig”, gerade etwas Gegenwind. Nachdem sie uns seit vielen Jahren ihren inhaltslosen, auf kurzfristige Befriedigung ausgerichteten Algorithmen ausgesetzt haben, die nicht das Ziel haben, die KonsumentInnen zu unterhalten, sondern den Strom an Werbeeinnahmen aufrechtzuerhalten.
Und so weiter und so fort. Man darf festhalten: Im Kapitalismus gibt es sowas wie Altruismus eigentlich eher selten. Eines der obersten Unternehmensziele, das lernt man im ersten Semester BWL, lautet: Gewinne steigern.
Und jetzt kommen die großen KI-Labore. Die, die sich erst jahrelang und ungefragt an den menschengemachten Daten bedient haben, die kostenlos im offenen Internet zur Verfügung standen, um ihre Produkte zu entwickeln. Zu einem Grad, der “mit fairer Nutzung” nichts mehr zu tun hat. Erst gestern kam heraus , wie es OpenAI gelang, die Bezahlschranke der New York Times zu umgehen, um an noch mehr hochwertige Inhalte zu kommen. Ob das jetzt im Detail so passiert ist, wird von Microsoft natürlich bestritten.
Und diese Unternehmen entdecken nun die Uneigennützigkeit in ihrer DNA und warnen die Menschen vor der zerstörerischen Kraft der KI. Zweifelsohne gibt es Risiken. Aber sitzen wir hier vielleicht einer wirklich cleveren Marketing-Strategie auf? Anthropic und OpenAI hatten für dieses Jahr den Börsengang geplant. Anthropic verschiebt den Börsengang um mehrere Wochen . OpenAI hat ihn vorerst auf das nächste Jahr verschoben .
Ein Börsengang bedeutet auch: Schonungslose Abrechnung mit dem Geschäftsmodell. Und zwar nicht durch die Marketing-Brille, sondern externe Stakeholder, die was sehen wollen, für ihr Geld. Und dann wird sehr deutlich sichtbar, wie es um das Geschäftsmodell steht.
So werden also scheinbar fein säuberlich Zwischenfälle an die Presse lanciert, die die Mächtigkeit des eigenen Produkts beschreiben sollen. KI bricht aus Laboren aus. Naja, wirklich abgeschottet waren die Labore eigentlich nicht, wenn die KI mit dem lokalen Netzwerk kommunizieren kann, das seinerseits mit dem Internet verbunden ist, irgendwie auf eine mittelbare Art und Weise. Vermutlich lernt man das im ersten Semester IT-Security: Air-Gapped bedeutet: Es gibt keinen Weg nach drinnen oder draußen, auch nicht über Proxies oder andere Umwege.
Jetzt steht ein Börsengang vor der Tür und irgendwie gelingt es nicht so richtig, ein selbsttragendes Geschäftskonzept zu entwickeln, das die hunderte von Milliarden Dollar der Zirkelinvestition rechtfertigen würde.
Also befeuert man den Hype auf die eigene Art. Ausbrechende Modelle, Modell-Iterationen, die der Öffentlichkeit vorenthalten oder nur nach “strenger” Sicherheitsprüfung nutzbar sind und ehemalige Mitarbeiter, die davon berichten , wie sorglos man mit der gefährlichen Technologie umgeht.

Whait, what? (⊙_☉)
Früher gab es für sowas Abmahnungen. Whistle-Blower wollten lieber anonym bleiben. Heute folgt zustimmendes Nicken des ehemaligen Vorgesetzten , der noch in der Firma beschäftigt ist.

Der offensichtliche Narrativ “wir müssen uns Sorgen um die Zukunft machen” überdeckt eine einfache Botschaft: “Unser Produkt ist gut”. Gefährlich gut! Und nebenbei schießt man gegen offene Modelle, die die Sicherheit gefährden - nicht etwa die Souveränität der NutzerInnen sichern.
Und während Altman von den Gefahren seines Produktes fabuliert, das so außerordentlich gut performt, häufen sich auf reddit die Beiträge, in denen man sich über degradierende Qualität lustig macht. Jaja, Äpfel und Birnen. Fable und Astra sind sehr mächtig, das kann ich aus eigener Erfahrung tatsächlich sogar bestätigen.
Und jetzt kurz vor Schluss noch mal Hand aufs Herz: Wenn die Modelle so unfassbar leistungsfähig sind, wie uns jeder zweite LinkedIn-Post suggerieren will: Wie viele Ein-Mann/Frau-Startups wurden denn in den letzten Jahren gegründet, bei denen nur mithilfe von KI ein geschäftstragendes Produkt entwickelt wurde? Nicht sonderlich viele, oder? Jaja, Sarkasmus, Red Herring, dies-das, unangebracht. Ich weiß. Aber eine andere Reaktion fällt einem auf den Hype-Train der Tech-Bros doch kaum noch ein. Jeder, der mal mit KI gearbeitet hat, kennt das Gefühl, egal welches Modell man nutzt: man hat schon mal das Gerät angeschrien. Vielleicht ist das auch die Strategie: Extinktion durch Bluthochdruck!
(╯°_°)╯︵ ┻━┻)
Ausgerechnet jetzt kommt auch einer der größten Profiteure der vorgelagerten Wertschöpfungskette um die Ecke - NVIDIA: Hört auf, die Entwicklung zu stoppen. Natürlich hat NVIDIA kein Interesse daran, dass OpenAI kurz mal innehält. Immerhin hat das Unternehmen Verträge zu erfüllen und gefälligst Computing Power abzunehmen, die aus Rechenzentren kommt, in denen Hardware von NVIDIA verbaut ist. Das ist wie, als würde die Ölindustrie uns erklären, dass wir mehr Autofahren müssten. Was soll schon der ganze Bohei um die Umwelt!
Um bei den Erst-Semester-Lektionen zu bleiben. Diese Strategie nennt man “Doomer Marketing”. Ist das Risiko real? Ja. Das ist es. Aber vielleicht sollten wir die KI einfach mal als das betrachten, was es ist: Ein Werkzeug. Virginia Dignum, Professorin für „Verantwortungsvolle Künstliche Intelligenz” an der Umeå Universität in Schweden, beschreibt es treffend so :
“Zu hacken, Ressourcen zu beschaffen und sich selbst zu verbessern, sind Handlungen in der realen Welt. Sie erfordern Rechenleistung, Energie, Geld und Zugriffsrechte. All das wird von Menschen gewährt. Ein KI-Agent tut nichts, was nicht zuvor von Menschen oder Organisationen technisch und organisatorisch ermöglicht wurde.”
Die Erzählung lautet: KI hätte das Potential, die Menschheit zu zerstören. Nun. Panzer und Raketen haben auch das Potential die Menschheit zu zerstören. Und wie viel tatsächliche Kontrolle haben wir hier? Matthias Spielkamp von Netzpolitik bringt es auf den Punkt und das lasse ich so stehen, denn es ist jetzt auch mal gut:
“Atomwaffen können unvorstellbaren Schaden anrichten, der nicht wieder gutzumachen ist. Sie sind nicht einfach nur Bomben, sondern eine Kombination aus dem Atomsprengkopf selbst, hochentwickelten Waffensystemen und einem komplexen System gegenseitiger Überwachung – „intelligence“ (!) genannt. Mehrfach stand die Menschheit unmittelbar am Abgrund, weil diese Intelligence versagt hatte. Ist irgendjemand auf die Idee gekommen zu argumentieren: Die Atomwaffen sind außer Kontrolle geraten und dafür verantwortlich?”
Zusammenfassung
Der Beitrag argumentiert polemisch, dass die aktuellen Warnungen großer KI-Labore vor ihren eigenen Produkten vor allem als Marketing-Strategie kurz vor deren Börsengängen zu verstehen sind.
Hauptthemen: Künstliche Intelligenz Doomer Marketing Kapitalismus
Schwierigkeitsgrad: einfach
Lesezeit: ca. 7 Minuten