Die letzen beiden Einträge zu diesem Thema, das fiel mir in der Retrospektive auf, hatten eine unterhaltsame Attitüde. Ein wenig zu viel “Esprit”, ein bisschen schrullig, vielleicht liebenswürdig, frei nach dem Motto: Ist ja halb so schlimm.

Und klar - Hyperfokus und Spezialinteressen - das klingt faszinierend und beinahe nach einer großartigen Gabe. In gewisser Weise ist das vielleicht auch so. Aber ich merke sehr schnell, wie aus “gefesselt sein” ein “gefesselt sein” wird. Und dann kann es tatsächlich extrem anstrengend sein, mal wieder in ein Rabbit Hole gefallen zu sein. Wenn es nämlich nicht nur ein Rabbit Hole ist, sondern eine Kraterlandschaft.

Hyperfokus bedeute, dass man ein Thema nicht loslassen kann. Das heißt nicht, dass es nur ein Thema sein darf - im Rahmen des Spezialinteresses natürlich. Ich hatte es im ersten Beitrag schon einmal angedeutet: Mein “Ordner fertige und unvollständiger Projekte” zählt sicherlich an mehr als 100 genauer jener Projekte. Gerade zur Zeit treten diese aber wie gewohnt nicht seriell auf, sondern parallel. Weil mich alle diese Themen faszinieren und herausfordern, arbeite ich privat an vier Projekten: Einer Android-App, um Termine zu planen. Einem Crypt-Trading-Bot mit AI-Support, einem “Normalisierer” für alle Plenarprotokolle des Bundestags der letzten ~70 Jahre und einem “ironischen Küchenphilosophie-Kanal” auf YouTube, TikTok und Co. Und ein paar andere Projekte liegen noch in der Pipeline, eine Bike-Part-App und eine App für “Architekten” - Arbeitstitel. Beeindruckend? Nein. Das ist kein flexing, das ist maximal anstrengend und ich zähle das so im Detail auf, um zu zeigen, dass diese Themen mich komplett vereinnahmen. Und auch beruflich - also das andere knappe Viertel des Tages haben mich einige Projekte fest im Griff. Ein AI-gesteuerter PowerPoint-Generator und ein Dokumenten-Kompressor. Klingt immer noch beeindruckend? All das erzeugt Signale in meinem Kopf, über die ich nachdenke. Tagein, tagaus. Je nach Priorität arbeite ich mehr oder weniger intensiv an einem der Projekte weiter, gerne bis in die Nacht, 1 Uhr. Der Wecker klingt um 6.

Klingt immer noch aufregend und bewundernswert? Dann zähle jetzt noch andere Signale aus dem täglichen Leben hinzu. Banalitäten wie Blumen gießen, Staub saugen, abwaschen, einkaufen - und das sind nur die “Regeltermine”.

Auch das sind Signale. Und damit ist noch nicht alles abgedeckt. Als Vater kommt noch ein weiterer starker Signalgeber hinzu. Kinder sind kreativ und wunderbar, aber auch laut, nicht rational, starrsinnig. Und während man sich um sie kümmert, muss man damit arbeiten und diese Signale verarbeiten, was kognitiv deutlich aufwendiger ist, als die Kommunikation mit Erwachsenen. Die Anzahl der Signale, die ich verarbeiten muss und ihre Komplexität steigt damit auf ein extrem forderndes Level. Mein Sohn hatte - und ich nehme ihm das ganz und gar nicht übel - die Wohnung auf links gedreht. Er hat gespielt und es war unordentlich, im Prinzip nichts besonderes und es fällt mir schwer das zu erklären, was das bei mir ausgelöst hat: Für mich war das ein immenses zusätzliches Signalrauschen, weil ich wie hyperfokussiert durch die Wohnung geschwebt bin. Sobald etwas nicht an seinem Platz liegt, fordert das meinen “Sortiersinn” heraus (siehe 1. Beitrag zu dem Thema). Und dann sehe ich überall neue Baustellen und offen Projekte. Ein extrem ermüdender Zustand.

Ja, jetzt könnte man sagen: “Hab dich nicht so, mach doch einfach alles nacheinander, mach dir Pläne, andere bekommen das doch auch hin, ich hab auch viele Termine!” Aber genau das ist das Problem: Mein Kopf ist dazu nicht in der Lage, weil mich dieser Overload lähmt. Tage wie diese gleichen einem kognitiven Marathon, an dem ich pausenlos unter Strom stehe. Mir gelingt es eben nicht, die Signale zu sortieren und nach Wichtigkeit zu filtern. Und vor allem ordne ich meine “Spezialinteressen” den meisten anderen Signalen, unbewusst, über. Mit fatalen Folgen, vor allem im sozialen Bereich. Am Wochenende hatten meine Eltern Geburtstag, erst heute “konnte” ich anrufen, nachdem zwei Personen aus meinem Familienkreis mir Nachrichten geschrieben haben, ob alles ok ist, wo ich denn bin. Ich war einfach nicht dazu in der Lage, weder eine einfache Nachricht zu schreiben oder gar anzurufen. Natürlich bin ich nicht untergetaucht, von außen wird man mir das meist nicht ansehen. Aber in diesem Bienenstock, den ich meinen Kopf nenne, waren die eigentlich wichtigen Themen zwar präsent, sind aber immer wieder irgendwo am Rand untergegangen.

Das war übrigens auch früher schon so und hat sich da vor allem bei sozialen Kontakten bemerkbar gemacht. Ich hatte “Ausreden” parat, um mich zu “verstecken”. Erst vor ein paar Wochen habe ich zwei gute Freundinnen versetzt, die auf meine Hilfe einfach weil es nicht ging. Meine internen Weichen waren anders gestellt.